Herausforderungen der Zeit: 20 Jahre Deutsche Einheit (1990-2010)

Starke Frauen - Starke Worte
Zeitzeugengespräch - mit Vera Lengsfeld in der Hanns-Seidel-Stiftung am 20.09.2010


Vera Lengsfeld ist bekannt als Bürgerrechtlerin, Politikerin und Autorin. 1952 wurde sie in Sondershausen/Thüringen geboren und wuchs in Ost-Berlin in einem regimtreuen Elternhaus auf. Sie studierte marxistische Philosophie, trat in die SED ein und arbeitete als Lektorin. Doch schon bald wurde sie selbst aktiv gegen das SED-Regime und musste sich selbst aktiv gegen das SED-Regime und musste sich mehreren Parteiverfahren, u.a. wegen "Abweichlertums" stellen. 1983 wurde sie schließlich aus der SED ausgeschlossen und erhielt Berufsverbot. In den folgenden Jahren wurde Lengsfeld zu einem der führenden Köpfe in der DDR-Bürgerrechts-bewegung. Nach dem Fall der Mauer wurde sie Mitglied der ersten und letzten frei gewählten Volkskammer der DDR. Von 1990 bis 2005 gehörte sie dem Deutschen Bundestag an; zunächst als Mitglied Bündnis90/Die Grünen. 1996 trat sie aus Protest gegen den Koalitionsbeschluss von Bündnis90/Die Grünen mit der PDS in die CDU/CSU Fraktion über; mit Unterstützung von Bärbel Bohley, die jüngst an Krebs verstorben ist.
Im letzten Bundestagswahlkampf trat sie in Berlin für die CDU im Wahlkreis gegen Hans-Christian Ströbele (die Grünen) an und provozierte mit einem besonderen Wahlplakat.
Daniela Arnu, Moderatorin des Bayerischen Rundfunks, stellte die Bürgerrechtlerin vor und ließ so die Zuhörer an deren Lebensgeschichte teilnehmen. Da ging es um die zwei Ehen und die drei Kinder - vor allem auch darum, dass ihr 2. Ehemann, der Vater der jüngeren Buben, Knut Wollenberger, von der Stasi auf sie angesetzt, als Spitzel IM Donald fungierte und sie selbst das erst in den Tagen der Wende von Freunden erfuhr, wer da ihr Ehemann war. Dass ihr Vater durch ihr ständig kritische Nachfragen und ihre Nonkonformität zur Partei und deren Ideale, erheb-lich berufliche Schwierigkeiten bekam und schließlich seinen Dienst bei der Staatssicherheit selbst quittieren musste.
Gefragt, was Vera Lengsfeld durch den Kopf gehe, wenn sie mitbekomme, dass in den Augen vieler Jugendlicher und Schüler die DDR - nach Auskunft einer jüngsten Studie - nicht als Diktatur, sondern als soziales Paradies ansehen? Da meinte sie, dass das die Früchte einer verfehlten Bildungspolitik seien. Damals sind die Lehrer der DDR, die zum größten Teil staatsnah sein mussten und auch waren, nicht abgelöst und mit Berufsverbot belegt worden, sondern durften zum großen Teil bleiben, selbst die Staatsbürgerkundelehrer. Oft konnten sich sogar die stasibelasteten Lehrer wieder einklagen. Die haben sich aber keineswegs darüber bedankt und gefreut, dass sie eine zweite Chance bekamen, sonder haben ihre Position überwiegend dazu benutzt, die DDR zu verklären. Es waren leider zu wenig Bürgerrechtler, die von Anfang an auf diesen Missstand aufmerksam gemacht haben. Es sind nicht Jugendlichen, daran schuld, sondern diejenigen, die ihnen dieses falsche Bild vermitteln. Ich habe allerdings festgestellt, so Vera Lengsfeld, dass zwei Stunden reichen, um Schulklassen bei einem Besuch im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen zu zeigen, dass die ein völlig verzerrtes Bild von der DDR haben. Die Schüler sind dann in der Regel erschrocken und fragen, warum ihnen das noch keiner gesagt hat.

Vera Lengsfeld erzählte aber auch von ihrer Verhaftung im Januar des Jahres 1989, ihrer Inhaftierung in Hohenschönhausen, ihrer Abschiebung in den Westen über den Grenzübergang Herleshausen, die Rollen, die dabei Gregor Gysi, Wolfgang Schnur und Manfred Stolpe spielten, ihre Rückkehr just am Morgen des 9. November 1989, an dessen Abend sie erlebte, dass die Mauer tatsächlich geöffnet wurde.

Seit 2005 ist die Bürgerrechtlerin als freischaffende Autorin in Berlin tätig. Sie kämpft gegen das Vergessen und vor allem gegen das Verklären der DDR, gegen die Nachfolgepartei der SED, die sich erst PDS nannte und nun bekanntlich DIE LINKE. Sie hält Vorträge, schreibt für Zeitungen und Bücher und führt regelmäßig Schulklassen durch das Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen.

Edmund Speiseder



Eröffnung des Zeitzeugengesprächs bei der Hanns-Seidel-Stiftung (v.l.n.r.: Prof. Dr. Ursula Männle, Vorstandsmitglied der Hanns-Seidel-Stiftung; Daniela Arnu, Bayerischer Rundfunk; Vera Lengsfeld



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